„Das Land jenseits der großen Pfütze gleicht der Höhle des Löwen, wo die Fußstapfen hinein, aber nicht wieder heraus gehen.“
Zu den Widersprüchlichkeiten in der Person Friedrich Ludwig Jahns gehört sein Verhalten gegenüber Auswanderern und Ausländern, das immer wieder von Polemik und Zorn geprägt war. Er verdammte, karikierte und brüskierte; das betraf besonders das Mutterland der Französischen Revolution und auch die Vereinigten Staaten von Amerika als ‚das Land jenseits der großen Pfütze’. War Jahn ein Amerika-Hasser?
Das Zitat stammt aus einem Brief Jahns an seinen Freund und Mitherausgeber der „Deutschen Turnkunst“ Ernst Eiselen vom 16. März 1837, geschrieben drei Jahre vor der Aufhebung der ‚Turnsperre’ und dem Ende der Demagogenverfolgung in Preußen. Jahn bezieht sich auf einen seiner bekanntesten Schüler und Vorturner der Hasenheide, Franz Lieber (genannt ‚Ziethen’), als Gymnasiast Teilnehmer der Freiheitskriege und wie Jahn mehrmals inhaftiert und von preußischen Universitäten ausgeschlossen, der nach seiner Promotion in Jena über Griechenland, Rom und London 1827 nach Neu England emigrierte. Jahn erkundigte sich immer wieder nach dem Verbleib Liebers, eines Cousins seiner zweiten Frau Emilie. Als ihm dessen Professur an der Universität von South Carolina bekannt wurde, schrieb er am 18. Januar 1839 bissig an den Landgerichtsdirektor Ulrich: „Von Franz Lieber weiß ich nur, dass er aus dem freien Neu-England nach dem amerikanischen Polen zu den Sklavenhaltern gezogen, wo doch über kurz oder lang die Weißen vertilgt werden.“ Lieber zog es von Boston über Philadelphia für 20 Jahre in den Süden der USA, aber er hatte mit den ‚Sklavenhalterstaaten’ nichts im Sinn. Auf Seiten der Union war er im Kriegsministerium tätig und wurde dann Professor an der Columbia Universität in New York, hochgeehrt als Wissenschaftler (Verfasser der Encyclopedia Americana und des ‚Lieber Code’ über Militär- und Völkerrecht) und juristischer Berater von Präsident Abraham Lincoln.
Lieber kam allerdings, da hatte Jahn recht, aus der ‚Höhle des Löwen’ nicht zurück. Nach Aufhebung der Turnsperre besuchte er 1844/45 und dann noch einmal 1848 auf zwei Europareisen auch seine Familie und Freunde in Preußen. Ein Angebot des Königs für eine Professur an der Berliner Universität lehnte er ab.
Jahns Ruf an die Harvard Universität
Wenden wir uns wieder dem Turnvater zu. Der Schein trügt, dass Jahn mit den Vereinigten Staaten, die er so gern glossierte, nichts zu tun haben wollte. Ganz im Gegenteil, in seinen persönlich schwersten Jahren hatte er selbst an Auswanderung gedacht. Seine Lage schien ausweglos: seit 1819 mehrjährige Festungshaft, der Tod zweier Kinder, dann 1823 der nie verschmerzte Tod seiner Frau Helene. Hinzu kamen hohe Schulden durch die Haft und den jahrelangen Prozess, schließlich die 1825 erfolgte Neu-Vermählung und die Sorgen um seinen Sohn aus erster Ehe und das Wohlergehen der nachgeborenen Tochter. Tiefe Niedergeschlagenheit lösten bei Jahn der erst 1825 erfolgte Freispruch und die gleichzeitig verfügte lebenslängliche Verbannung unter Polizeiaufsicht aus. Unter diesen Bedingungen war die Auswanderung für ihn die einzig nahe liegende Alternative, die ihm auch von seinen Freunden dringend empfohlen wurde.
Die medizinische Fakultät der Harvard Universität in Cambridge suchte 1825 einen Professor für „Turnen“ und deutsche Sprache. Aus den Universitätsakten ist bekannt, dass nicht irgendeiner, sondern der Beste dafür ausgewählt werden sollte. So kam man auf Friedrich Ludwig Jahn und nahm mit ihm über Mittelsmänner Kontakt auf.
Jahn war nicht abgeneigt und schrieb am 18. Januar 1826 an die Universität: „ Jeder, der dazu genötigt wurde mit anzusehen, wie die Werke, die er selbst errichtet hat, von anderen zerstört wurden, würde zweifelsohne, sobald er die nötigen Mittel aufbringen könnte, mit Freude an ihrer Wiederherstellung arbeiten. Jeder, der als Entdecker oder Erfinder seine Verbesserungen seinem eigenen Land zuerst anbietet und zurückgewiesen wird, muss sich anderswo bewerben. Letztlich mag sich jeder, der in seinem eigenen Land zu Untätigkeit und zum Arbeitsverzicht genötigt ist, um nicht eine edle Pflicht zu verachten, in den Dienst der Menschen stellen. Es gibt daher keinen Grund zu zögern, was das Angebot betrifft.“
Dass es nicht zu einer Verpflichtung Jahns kam lag am Kleingedruckten, den zwischen den Partnern noch abzumachenden Punkten. Die Forderungen Jahns waren für Harvard „exorbitant“. So ein zur Schuldentilgung erbetenes Jahresgehalt von 2000 Dollar, weiter eine lebenslange Pension von 1000 Dollar, eine Rente von 300 Dollar im Todesfall für seine Frau und dann ‚die besten Möglichkeiten und Muße, um sinnvoll und angenehm arbeiten zu können, verbunden mit dem Wunsch, nach ein paar Jahren ohne Sorge oder Ärger anständig zu leben’. Schließlich seine Wünsche nach einer in der Universität verbleibenden Bibliothek im Wert von mindestens 3000 Dollar für die Unterrichtung der deutschen Sprache und die Anstellung von vier wissenschaftlichen Assistenten für die Unterrichtung der Turnkunst, ‚damit diese nicht erlahmt oder vernachlässigt wird, wenn ‚ein Paar Augen durch den Tod geschlossen werden. Die Turnkunst sollte nicht sparsam, sondern mit Geist Erfolg haben und tiefe Wurzeln schlagen’.
Als Erfinder der Turnkunst erwartete der selbstbewusste Jahn von Amerika, dass man ihm den roten Teppich ausrollt und seine für damalige Zeiten sicher hohen Forderungen erfüllt. Mit den Dollars waren wahrscheinlich preußische Taler (0,74 Cent) gemeint. Es kam also allein aus finanziellen Gründen nicht zur Anstellung des Turnvaters.

Dass er weiterhin im Gespräch war, zeigt ein zweiter Versuch der Harvard Universität, ihn 1827 für die Leitung eines öffentlichen Turnplatzes im benachbarten Boston in die neue Welt zu holen. Über einen Mittelsmann der Universität in Göttingen, William Amory, lehnte Jahn dankend ab, versicherte aber gleichzeitig Harvard seine Achtung Amerikas und den Wunsch, selbst einmal die Staaten besuchen zu können. Für die Tätigkeit in Boston fühlte er sich zu alt und war durch die Betreuung seiner kranken Mutter gebunden. Als geeigneten Kandidaten empfahl er den im Eingangszitat beschriebenen Franz Lieber und wies auf 32 gerade vom König amnestierte Studenten hin, von denen sich viele als Turnlehrer eignen würden. Der nach London emigrierte Franz Lieber erhielt die Stelle und wurde zusammen mit seinen bereits in Neu-England tätigen Freunden von der Hasenheide, Carl Follen und Carl Beck, einer der drei Turnpioniere in den Vereinigten Staaten. Carl Beck übersetzte Jahns “Deutsche Turnkunst” ins Englische.
Es gehört sicher einige Phantasie dazu, sich heute Friedrich Ludwig Jahn als Staatsbürger der USA mit deutschem Migrationshintergrund vorzustellen. Der ‚junge Jahn’, freiheitlich-liberal, volksnah demokratisch hätte ganz gut zu Harvard und Amerika gepasst. Weniger der spätere, verbitterte, monarchistische und chauvinistische ‚alte Jahn’.
Jahns böse „Briefe an Auswanderer“
Man hat in der Jahn-Forschung bezweifelt, ob er diese Auswanderung ernstlich erwogen hat. Insbesondere nach Erscheinen seiner „Briefe an Auswanderer“ im Jahr 1833, in denen er Auswanderung als Verrat an der Heimat geißelte und den Auswanderern drastisch die Meinung sagte: „Auswanderung, sich in ein fremd Volk unterstecken, hat immer bei mir nächst dem Selbstmord gestanden, hart an der Selbstvernichtung des Lebens und Liebens“. „Es ist eine kleinmeisterliche Erbärmlichkeit, nur an sich denken, nie an das Gemeinwohl. Es ist echter Gaunersinn, nur sich, immer nur sich, zuerst sich und zuletzt sich im Kopfe zu haben.“ Ursache dieses maßlosen Verdikts war die aus wirtschaftlichen Gründen erfolgte Auswanderung von 130 im Umfeld von Kölleda lebenden Bürgern, die Jahn empörte: „… eine ganze Schiffsladung Auswanderer aus einer Stadt konnte mich nur erzürnen.“ Ihm war bewusst, dass er durch ‚sein Wort keinen zurückrufen noch zurückhalten’ könne, er ‚klage aus der Seele des verlassenen Vaterlandes’ und wolle erreichen, dass ‚die Sache endlich die Aufmerksamkeit der siebenschläferigen Behörden auf sich ziehe’, so schreibt er am 31. Oktober 1833 an seinen Freund Mützell. Die neun Briefe erschienen im „Weißensee’r allgemeinen Unterhaltungsblatt“, einer kleinen Provinzzeitung mit nur regionaler Bedeutung. Sie führten dazu, dass einige erboste Auswanderer am 2. Dezember 1834 die Fensterscheiben seines Hauses einwarfen und so öffentlich gegen ihn protestierten.
Auswanderung als Selbstverbannung und Flucht
Es gibt weitere Belege dafür, dass Jahns Polemiken von 1833 mehr seiner sich ständig verändernden Gemütslage und seiner Wut auf die Obrigkeit als grundsätzlichen Einsichten und Lebenskonzepten entsprachen.
Bereits aus dem Zwangsaufenthalt in Kolberg – Jahn nannte es ‚Quälberg’ – schrieb er am 12. Januar 1822 an Edmund Dürre: „Nebenbei beschäftigt mich die Lösung der Aufgabe ‚Über Recht und Pflicht der Vaterlandsfreunde, sich zu gewissen Zeitläufen selbst aus dem Vaterlande zu verbannen’. Darum sind die Erdviertel geschiedene Vesten, wo die einzelnen Lande sich wohlgemarkt sondern, damit der menschliche Geist aus böser Zeitläufe Winterstarre in ein hell und heiter Sommerland entschweben, und des kommenden Frühlingslenzen erharren möge…“. Jahn deutet damit seine eigene ‚Winterstarre’ und die Möglichkeit einer ‚Selbstverbannung’ an.
Weiter wandte sich Jahn schon zwei Jahre vor der Veröffentlichung der „Briefe an Auswanderer“ am 20. September 1831 aus Kölleda an einen unbekannten Freund: „Ich lebe hier als geborener Altpreuße unter polizeilicher Aufsicht altsächsischer Beamter. Dies gehört auch zu den Widersprüchen. Eins ist Unrecht: Entweder, dass ich ein Jahresgehalt beziehe, oder unter polizeilicher Aufsicht stehe. Nun gibt es noch ein Amerika …“
Auch im Zusammenhang mit der Verweigerung des Eisernen Kreuzes von 1813 schrieb Jahn am 7. Februar 1838 – also nach der Herausgabe seiner ‚Briefe’ – an Wilhelm Lübeck über sein wiederholtes Bemühen bei der Ordens-Commission: „…dass ich glaube, das Eiserne Kreuz verdient zu haben, und auch späterhin desselben nicht unwürdig geworden zu sein. Schlägt das nicht an; so bleibt eine Vorstellung an Se. Majestät. Verfehlt die auch Ihren Zweck: Verlangen nach einem Kriegs- und Ehrengericht. Und reißen alle Fäden; so steht Ehre höher als Gut – und die Welt ist groß.“ Sein Urenkel Friedrich Quehl merkt 1918 zu diesem Schlusssatz ‚- und die Welt ist groß’ an, dass Jahn wegen gekränkter Ehre im Freundes- und Familienkreis auch erwog, nach Griechenland auszuwandern. Er war von dem erfolgreichen Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken begeistert, wobei er sicher nicht unbedingt einen bayrischen Prinzen statt eines preußischen auf dem griechischen Thron gesehen hätte.
Später verdrängte und idealisierte Jahn seine eigenen USA-Auswanderungspläne von 1825 und schrieb 1843 nach Aufhebung des Zwangsaufenthalts und der Polizeiaufsicht in einem Brief an die Frankfurter Turngemeinde ‚Zum Neuen Jahre 1844’ stolz: „Wäre ich dem Ruf des umsternten Adlers nach Cambridge in Massachusetts gefolgt, so möchten die Herren von Sonst, Bleibe und Rückwärts siegprahlend gemährt haben: Nun ist er fort! Beizeiten hat er sich gedrückt, eben als wir den Umtreiber endlich fassen konnten! So durften die Jahre zwischen Jena und Leipzig nicht geschmäht werden.“ Jahn erinnert sich seiner Taten als Freiheitskämpfer und heroisiert sich als Märtyrer, der allen Widrigkeiten zum Trotz im Land geblieben ist.
Dass eine Auswanderung auch im persönlichen Umfeld Jahns kein Tabuthema war, zeigt ein anderer Nachweis: Seinen Sohn aus erster Ehe, Arnold Siegfried, drängte er förmlich zur Emigration in die Vereinigten Staaten, nachdem dessen berufliches Scheitern ihn jahrzehntelang verärgert und auch finanziell überfordert hatte. In einem Brief an Wilhelm Lübeck vom 1. Juli 1852 berichtete er von auswanderungswilligen Nachbarn und fügte in Anspielung auf seinen Sohn hinzu: „Aber einer, der fort sollte, längst drüben sein müsste, zögert und zaudert. Wer hier alles verloren, dem verdenke ich nicht, dass er dort Glück und Gold sucht, zumahl wenn er im Vaterland nichts zu verantworten hat.“ Arnold Siegfried zauderte nicht lange, zwei Wochen vor Jahns Tod 1852 wanderte er in die USA aus. Er hat dort sein Glück gefunden und ist nie zurückgekehrt. Seine Nachfahren – darunter auch Turnlehrer und Turnlehrerinnen – kamen 1928 zum Deutschen Turnfest nach Köln und waren bei der Einweihung des Jahn-Denkmals durch Oberbürgermeister Konrad Adenauer dabei. Weitere Familienangehörige besuchten 1999 die Jahnstätten, trafen sich mit Nachkommen seiner Tochter Sieglinde aus Deutschland und waren Ehrengäste des Deutschen Turnfestes in Leipzig 2000.

Turnerkissen aus den USA und vor 150 Jahren von Johann Straubenmüller nach Amerika gebrachte Litografie ‘Jahn, Uhland und Arndt’.
Jahn selbst wurde in Amerika nicht vergessen. Während die Achtundvierziger, insbesondere aus Süddeutschland, vom Turnvater nach dessen reaktionären Auftreten in der gescheiterten Nationalversammlung von 1848/49 nichts wissen wollten, änderte sich das nach der Reichsgründung und der massenhaften Einwanderung deutschsprachiger Turner. Denkmäler in Cincinatti und St. Louis wurden errichtet, sein Bildnis zierte Urkunden und wurde bei Turnfesten herumgetragen. Eine Stiftung für Bildung und Sport der ‚American Turners’ trägt noch heute seinen Namen. Acht Steine aus New York, Pensylvania, Ohio, Illinois, Missouri, Kansas und Kalifornien am Berliner Jahn-Denkmal erinnern an dieses frühe Kapitel der Turngeschichte Nordamerikas. Ein Grund, der internationalen Rezeption des Turnvaters auch in Übersee im zweihundertsten Jahr der Hasenheide und zum 150. Jubiläum der ‚Turner-Regimenter’ des amerikanischen Bürgerkrieges weiter durch die Sportwissenschaft nachzugehen.
Literatur
Euler, Karl: Das Jahndenkmal in der Hasenhaide bei Berlin, Leipzig, 1874.
Euler, Karl: Friedrich Ludwig Jahns Werke. 3 Bände, Hof, 1887.
Geldbach, Erich: Jahn – Professor in Harvard?, Deutsches Turnen Nr. 120 v. 28.8.1975.
Geldbach, Erich: The Beginning of German Gymnastics in America. Journal of Sport History, Ausgabe 3, 1976.
Hofmann, Annette R.: Aufstieg und Niedergang des deutschen Turnens in den USA, Schorndorf, 2001
Meyer, Wolfgang: Die Briefe F.L. Jahns, Leipzig, 1913 und Dresden, 1928
Quehl, Friedrich: Briefe von Friedrich Ludwig Jahn, Leipzig, 1918.
Ueberhorst, Horst: Turner unterm Sternenbanner, München, 1978
Ueberhorst, Horst: Friedrich Ludwig Jahn 1778-1978, Bonn-Bad Godesberg, 1978
Ulfkotte, Josef: Briefe von Friedrich Ludwig und Emilie Jahn an Wilhelm Lübeck 1835 – 1876, Berlin, 2010.
Erstveröffentlichung (Kurzfassung)
in ‘Jahn-Report’ Nr. 33 v. Dezember 2011.